Sound-Archiv

  (Foto)grafische und akustische BahnDokumente

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Der Bazillus "Dampflok" und damit auch der Drang zur Dokumentation ihrer unĂŒberhörbaren GerĂ€usche erfasste die Ton- und Bildautoren Dieter Zuncke und Klaus Meschede schon Anfang der 70er Jahre. Systematisch wurde "aufgenommen", was insbesondere in Deutschland und Österreich noch erreichbar war. Die Tonaufnahmetechnik wurde im Laufe der Jahre immer weiter verfeinert; so entstanden dann ab etwa 1976 Originale von reproduzierbarer QualitĂ€t. Wie schwierig es ist, brauchbare Tonaufnahmen in den "Kasten" zu bekommen, weiß nur derjenige zu ermessen, der solches Tun schon einmal versucht hat. Ein kleiner Tipp: Lassen Sie sich nicht entmutigen! Die Ausschussquote betrĂ€gt etwa 90%. Im entscheidenden Moment auftauchende Hubschrauber, Traktoren, Mopeds oder Wespen auf den Mikrofonen dĂŒrfen einen "Hartgesottenen" nicht gleich umwerfen. Nach mehr als 20 Jahren Einsatz "vor Ort" erscheinen nunmehr erste Veröffentlichungen dieser Zeitdokumente. Diese CD's können nur eine Auswahl aus der umfangreichen Sammlung bieten: ein Querschnitt durch die letzten 20 Jahre des Dampfbetriebes bei der DB, der DR (insbesondere Schmalspur (750 und 1000 mm)) sowie der ÖBB (Normal- und Schmalspur (760 mm)) und der GySEV. Weitere Ausgaben sind in der Vorbereitung. Hierbei wird dann auch die Diesel-Traktion gewĂŒrdigt. Konsequent dem Motto "Live dabei" folgend, wurden UmgebungsgerĂ€usche (wie z.B. Wind) nicht ausgefiltert (Real Sound). Gleichfalls wurde darauf verzichtet, BegleitumstĂ€nde der Aufnahme (wie z.B. Fußauftreten, Autos) zu unterdrĂŒcken. All dies gehört zu der jeweiligen Aufnahme wie die DampflokgerĂ€usche selbst.


Lesen Sie die Erlebnisse eines der beiden Tonautoren

Das nasse Handtuch am PrĂ€bichl-Paß und andere Geschichten rund um die Dampfloktonaufnahme

Von Dieter Zuncke

Da lag sie nun vor mir, die erste „selbstgemachte“ Audio-CD aus dem Alltag der Dampflok. Ist schon ein merkwĂŒrdiges GefĂŒhl fĂŒr einen, nicht mehr zur Generation der MP3-Computer-Kids zĂ€hlenden Dampflokfans, so eine unscheinbare Plastikscheibe mit den akustischen Dampflokerlebnissen (und dazugehörigen ungeschriebenen Geschichten) dreier Jahrzehnte in den HĂ€nden zu halten. In den Siebzigern waren die einzigartigen Tondokumente der Herren Klossek, Hecht oder Schier schon recht bekannt und erlebten parallel zu den ĂŒberall zu Ende gehenden DampflokeinsĂ€tzen ihre erste BlĂŒte. Aber welcher Teufel muss mich geritten haben, auch mich ausgerechnet dieser Abart des Eisenbahnhobbys so nach und nach zu verschreiben!

Nun, seinen Lauf nahm diese etwas ungewöhnliche Zuneigung so ziemlich genau in den letzten Oktobertagen des Jahres 1971. Ich sollte als damaliger Messdiener der Kirchengemeinde meines Heimatortes Schmallenberg an einem Seminar im Kloster Hardehausen in der NĂ€he der Bahnstrecke Warburg - Altenbeken teilnehmen, welches mich aber (unser Schöpfer möge es mir nachtrĂ€glich verzeihen!) weit weniger interessierte als die NĂ€he zu besagter Bahnstrecke. Diese lag denn auch in Hörweite des Massenschlafsaales fĂŒr alle Seminarteilnehmer und was gab es Schöneres, als mit  Gleichgesinnten im Fenster zu kauern und bei einer (selbstverstĂ€ndlich strengstens verbotenen „Selbstgedrehten“) den Öl-Jumbos bei der Arbeit zuzuhören! Und die konnte sich wahrhaftig hören lassen! Trotz schon 1970 erfolgter Elektrifizierung wurden schwerere GĂŒterzĂŒge mangels 150er Elloks (die 151 war noch in der Erprobung) immer noch von den 44-Öl-Jumbos des Bw Kassel gezogen. Welche Schauer solchen „Freaks“ wie unseresgleichen damals den RĂŒcken hinunterliefen, wenn sich eine 44er im spĂ€therbstlichen Mondschein mitten in der Nacht nach Neuenheerse hochkĂ€mpfte? Nun, man muss es erlebt haben, es ist mit Worten nicht zu beschreiben. Manche Maschinen konnte man fast eine halbe Stunde genießen, nie wieder habe ich die 44er so brĂŒllen hören, das musste unbedingt fĂŒr zu Hause konserviert werden ! 

Ein nur nebenbei fĂŒr die neuesten Werke der Bee Gees oder ELO, hauptsĂ€chlich jedoch fĂŒr ganz andere Töne beschaffter „Philips N 2204“- Monokassettenrekorder bildete mit separatem Mikrofon (ganz wichtig!) die Grundausstattung fĂŒr solche Vorhaben. Der ebenfalls dampflokbegeisterte Mathelehrer bot nach Schulschluss am Samstagnachmittag in seinem roten VW-KĂ€fer dem gleichgesinnten Klassenkameraden und mir mitsamt der o.g. Neuerwerbung die Gelegenheit zu einem Ausflug in das bekannte 44-Dreieck Altenbeken - Neuenheerse - Ottbergen. Auch ein Abstecher an die „Klagemauer“ fĂŒr den Dampflokheizer bei HĂŒmme war manchmal noch machbar. Die ersten Resultate solchen Tuns entsprechen zwar nicht mehr der gĂ€ngigen Tonaufnahmetechnik, sie besitzen jedoch Erinnerungswert fĂŒr die seinerzeit daran Beteiligten. Etwas profimĂ€ĂŸiger ging es dann ab 1975 zu. Ein „UHER Report“-TonbandgerĂ€t stellte fĂŒr den seinerzeitigen Schlosserlehrling des Bw Bestwig eine unerreichbare GrĂ¶ĂŸe dar. Die Fa. Graetz bot jedoch ein fĂŒr meine Zwecke brauchbares und noch dazu gerade im Rahmen des Erschwinglichen liegendes TonaufnahmegerĂ€t an, welches denn auch nach einigen Notwendigkeitsbezeugungen im Verwandtenkreis beschafft wurde. 

Erste EinsĂ€tze gab es natĂŒrlich im „Ton-Paradies“ der Ottbergener 44 sowie im Raum Aachen und bei diversen Sonderfahrten auf der Ruhr-Sieg-Strecke sowie in SĂŒdwestfalen bei Welschen Ennest, Elleringhausen und Hilchenbach. Der frisch erworbene FĂŒhrerschein und ein alter Opel Kadett bildeten  weitere Schritte auf dem Weg in die eigene Welt des Eisenbahn-Audio-Hobbys. Die DDR war leider noch unerreichbar fĂŒr den Tonfreak; es machten gerade GerĂŒchte ĂŒber die Inhaftierung eines Tonbandbesitzers wegen unerlaubter Herstellung von Tondokumenten der Dampflok ihre Runde. Bestimmt hatte die seinerzeitige DDR-Regierung bzw. ihre kleinen Handlanger Angst vor Spionage und Nachbau von preußischem Dampflokzubehör im Westen. Schließlich war schon die Tonaufnahme der Bergfahrt einer preußischen T 20 verdĂ€chtig und wurde an der Grenze mit 4 Stunden Wartezeit geahndet. Stattdessen boten die ÖBB noch ein reichhaltiges BetĂ€tigungsfeld. Steyrtal- und Waldviertel- sowie Erzbergbahn, aber auch CSD und die ungarische GySEV hatten noch reichhaltigen Plandampfbetrieb auf österreichischem Staatsgebiet ohne Visum, Grenzkontrollen und Ă€hnlichen, heute nostalgisch anmutendem Schnick-Schnack zu bieten. Immer noch wurde der gesamte schwere DurchgangsgĂŒterverkehr auf der GySEV mit der Baureihe 520 abgewickelt, hinter der sich die deutsche 52er verbarg. Zwei wunderschöne Streckenaufnahmen wurden schon nachts gegen 1.30 nach ein paar Bier irgendwo im Burgenland eingefangen. Was jedoch noch fehlte, war eine krĂ€ftige Anfahrt ! Die Erfahrung hatte bereits gelehrt, dass man möglichst in Schornsteinhöhe und mit einer Wand im RĂŒcken aufnehmen solle. Nahezu ideal wĂ€re auch noch ein akustisches „Dach ĂŒber dem Kopf“! Und all diese Herrlichkeiten bot die ehem. GĂŒterabfertigung des Bf Wulkaprodersdorf. Also, nichts wie hin und zwar im wahrsten Sinne des Wortes immer der Nase nach, denn nach seiner Stillegung wurde dieses GebĂ€ude zu einer Abdeckerei umfunktioniert. Es war im August 1978. Bei 28°  im Schatten und bestialischem Gestank mit dem dazugehörigen Ungeziefer aller Art wagte ich mich mit den TongerĂ€tschaften auf die Laderampe des GĂŒterschuppens. Aber man muss auch mal Opfer bringen, also Nase zu und durch, war diese Tonstelle doch perfekt. Und so gehörte die KotztĂŒte mit zu den AusrĂŒstungsgegenstĂ€nden fĂŒr diese Aufnahme. Die dazugehörigen GerĂ€usche wurden herausgeschnitten, ĂŒber den Rest decken wir das MĂ€ntelchen der Diskretion. Was ĂŒbriglieb war die glasklare Anfahrt einer 520er mit dazugehörigem Pfiffen und Schiebelok. 

Eine ganz andere Sparte von Tonaufnahmen bilden die FĂŒhrerstandsmitfahrten. Dass es auf dem DampflokfĂŒhrerstand alles andere als geruhsam zugeht, dĂŒrfte auch Nichtfachleuten bekannt sein. Um so schwieriger ist es, dort seinen Platz fĂŒr Tonaufnahmen zu finden, ohne den Heizer zu behindern. Trotzdem galt es, die richtige Stelle zu finden, um brauchbare Szenen in den Kasten zu bekommen. Erste diesbezĂŒgliche Erfahrungen bot mir die 01.10 auf der Emslandstrecke. D 714 hieß der letzte dampfbespannte Schnellzug der DB, das Fernsehen stieg mitsamt Begleiter in Leer/Ostfr. auf der einen Seite von der Lok und meine Wenigkeit durfte auf der anderen Seite aufsteigen, nachdem die Luft „rein“ war. So hatte ich dank guter Kontakte zum Bw Emden die Möglichkeit, die letzte Anfahrt dieses Zuges in Leer im FĂŒhrerstand auf Tonband zu konservieren. Ganz besonders in meinem GedĂ€chtnis haften geblieben sind bis heute die  Mitfahrten auf der österreichischen Erzbergbahn in der Steiermark. Die Zugförderungsstelle (Bw) Vordernberg bot Eisenbahnfans nĂ€mlich fĂŒr die erschwingliche GebĂŒhr von umgerechnet  ca. drei Euro die Möglichkeit einer 6-stĂŒndigen FĂŒhrerstandsmitfahrt auf einer Zahnradlok der Baureihe 97 ĂŒber den Erzberg nach Eisenerz. Einmal wĂ€re mir diese besondere Reise auf einer 97er beinahe zum VerhĂ€ngnis geworden. Das Lokpersonal hatte mir den gutgemeinten Ratschlag erteilt, aufgrund der Witterungslage (Windstille) wegen der Abgase ein nasses Handtuch mit zufĂŒhren, um es im PrĂ€bichler Scheiteltunnel bei Bedarf vor mein Gesicht zu pressen. Da ich mich auf der Schiebelok 97.201 befand, hatte die fĂŒhrende 97.210 besagten Tunnel schon ordentlich eingerĂ€uchert und diese „Luft“ stand nun wie angewurzelt ĂŒber unserem Zug. Die Hitze wurde unertrĂ€glich, die beiden Maschinen krochen mit ihrem schweren Erzzug im Schritttempo durch das Gewölbe und die AuspuffschlĂ€ge krachten wie GeschĂŒtzdonner an die Tunnelwand! Ein tolles Erlebnis, ich war so fasziniert, dass ich die vor Fahrtbeginn empfohlenen Warnungen des Heizers sowie alles andere um mich herum vergessen hatte. So kam, was kommen musste.! Mir wurde von den Abgasen wohl schlecht, das AufnahmegerĂ€t glitt mir aus der Hand und fiel zum GlĂŒck in die Kohlen. Ich war fĂŒr einen Moment „weggetreten“ und kam erst an der frischen Luft wieder zu mir, sehr zur Freude des netten Lokpersonals. Der „Graetz“ hatte, von einer kleinen „Macke“ am GehĂ€use abgesehen, diesen Ausflug ins Reich der Tunnelgeister ĂŒberlebt und wĂ€hrend meiner „Abwesenheit“ auch brav weiter aufgenommen, der Tonszene hat es jedenfalls nicht geschadet. So ließen sich die Geschichten rund um das Entstehen von Tonaufnahmen noch beliebig fortsetzen. Dieses Hobby kann manchmal aber auch frustrierend sein, denn die Ausschussquote unter den Aufnahmeversuchen betrĂ€gt nahezu 90 %. Ein Pfiff oder das Öffnen von ZylinderhĂ€hnen genau vor den Mikrofonen, ein im „richtigen“ Moment auftauchender Hubschrauber, eine Hummel auf den Mikrofonen, allzu geschwĂ€tzige Mitreisende, minutenlange Windstille, aber eine krĂ€ftige Windböe genau bei der Zugabfahrt können einem schon höchst unschöne Worte entlocken. Die gelungenen Szenen erfreuen mich dann spĂ€ter beim ersten Kontrollhören um so mehr. Wer also seinen Spaß an der Nachahmung dieses Hobbys findet, sollte sich nicht entmutigen lassen. Die Vielfalt der betriebsfĂ€higen Dampflokbaureihen war schon seit den 50er Jahren nicht mehr so groß, wie sie es augenblicklich ist.  

Eigentlich wollte ich ja die „Tonerei“ schon seit den NĂŒrnberger Paraden im Jahre 1985 an den Nagel hĂ€ngen, aber dann kam die Grenzöffnung 1989 und innerhalb weniger Tage bot sich ein bis dato fast unentdecktes Tonparadies im Harz und im Erzgebirge auf schmaler Spur. Sogar die Auspuffmusik der heute lĂ€ngst Geschichte gewordenen planmĂ€ĂŸigen SchmalspurgĂŒterzĂŒge ließ sich noch vortrefflich einfangen. Und wenn die Dahlhauser 38 2267 so prĂ€chtig von Bestwig nach Brilon-Wald durch den Elleringhauser Tunnel hĂ€mmert oder gar die 44 1616 nach Vorhalle . . . , dann packt es mich wieder . . .! Deshalb habe ich den alten „Graetz“ inzwischen in Rente geschickt und meine Tontechnik in der Hoffnung auf viele neue Taten auf den Stand des Jahres 2002 gebracht . 

Lassen wir uns ĂŒberraschen, was uns die Dampflokzukunft noch so alles vor die Kameras, Videokameras, aber in seltenen FĂ€llen eben auch vor die AudiogerĂ€te fahren lĂ€sst!